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Matthias Küffner schreibt Kommunikationsprogramme für Behinderte
dpa
Matthias Küffner bei der Arbeit

"Ich weiß, was gebraucht wird"

Behinderter programmiert Software für andere behinderte Menschen

Matthias Küffner ist ein ungewöhnlicher Programmierer. In der Nördlinger Niederlassung der Firma Incap (Pforzheim) schreibt der schwer körperbehinderte Mann Kommunikationssoftware für andere behinderte Menschen. "Es hilft mir sehr, dass ich selbst betroffen bin. Ich weiß, was gebraucht wird", sagt er. Seit seiner Geburt leidet Küffner an fortschreitendem Muskelschwund. Das Schulalter werde er nicht erleben, hatte man seiner Familie einst prophezeit. "Und heute bin ich 32", sagt er nicht ohne Stolz.

07.10.2005 [Archiv]

 

Er sitzt im Rollstuhl. Den Daumen und einen Finger der linken Hand kann er noch bewegen. Ein Team aus sieben Pflegekräften betreut ihn rund um die Uhr - auch am Arbeitsplatz. Küffner kann sprechen, aber nur schwer schlucken. Auch seine Atemmuskulatur ist von der Krankheit betroffen. An seinem Arbeitsplatz in Nördlingen wird er deshalb alle ein bis zwei Stunden für rund zehn Minuten beatmet.

 

"Der Computer ist mein Leben"

Dennoch arbeitet Küffner 30 Stunden pro Woche. Der Computer sei sein Leben, sagt er. Mit einer Spezialmaus, die er mit den beiden beweglichen Fingern bedient, steuert der 32-Jährige seinen PC. "Momo" heißt die Kommunikationssoftware der Firma Incap, die Küffner nach den individuellen Bedürfnissen der Kunden programmiert.

 

Manche schreiben damit zum ersten Mal wieder Briefe. Andere können je nach dem Grad ihrer Behinderung über Maus oder Sensor nur vorgegebene Bildsymbole oder einfache Aussagen wie "Ich habe Durst", "Ja" oder "Nein" anklicken. "Es gibt fast keine körperliche Behinderung, die es nicht ermöglicht, trotzdem einen PC zu bedienen", sagt Küffner.

 

Seit 13 Jahren dabei

Seinen Arbeitgeber, Incap-Geschäftsführer und Firmengründer Christoph Müller, lernte der 32-Jährige an einer Schule für Körperbehinderte kennen. Dort machte Küffner ein dreijähriges Berufspraktikum, dabei wurde er im Programmieren gefördert. Incap stellt bei einem Jahresumsatz von rund einer Million Euro elektronische Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung her. Die Idee hatte der Firmengründer schon als Zivildienstleistender.

 

Müller betreute einen jungen Mann, der nicht mehr sprechen konnte. Daraufhin entwickelte er seine erste Kommunikationssoftware für behinderte Menschen - und gewann damit bei "Jugend forscht" in Baden-Württemberg einen Sonderpreis. Seit 13 Jahren arbeitet nun auch Küffner bei Incap und mit "Momo".

 

Über seinen Beruf hinaus engagiert sich der 32-Jährige im Bundesvorstand der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke (DGM). Er wirbt dafür, dass Menschen mit Behinderung eine Chance im Berufsleben bekommen. "Die Arbeit war für mich wie ein Sechser im Lotto. Ich weiß nicht, ob ich so alt geworden wäre, wenn ich sie nicht gehabt hätte."

 
von Christa Fünffinger, dpa
 
 
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